Berichte - Reviews


Duo Alba, Nepomuk Golding, Projekt "Staub"

Wieder gibt es über eine ganze Reihe sehr guter Konzerte zu berichten. Vielleicht darf man auch einmal etwas ganz Äußerliches loben: Unsere Konzerte habe genau die richtige Länge. Eine Stunde ist kurz genug, um sich auf ein ungewohntes, vielleicht sogar herausforderndes Hörerlebnis einzulassen - und zugleich lang genug, um dann richtig in diese großartigen Klangräume einzutauchen.

 

Das Duo Alba (Yuri Jang, Violine und Iris Wehrhahn, Cello), erweitert um Miki Manabe, Live-Elektronik, hat mit seiner konzentrierten musikalischen Meditation einen sehr starken Eindruck hinterlassen.

 

Nepomuk Golding stellte in seinem Programm Akkordeon – quo vadis? eine Vielfalt neuer Stücke für sein Instrument vor. Er spielte nicht weniger als drei Uraufführungen und entdeckte auch noch die kleinen Orgelstücke op.18 von Hugo Distler, die zwar nicht so verschollen waren, wie die jüngst wiederaufgefundenen Bach-Stücke, aber von den Organisten viel zu selten gespielt werden, jedenfalls vor Publikum.

 

Ein Konzert für Augen und Ohren gleichermaßen war das Projekt Staub von Paul Pape (Skulpturen), Dominik Susteck (Orgel) und Tobias Hagedorn (Elektronik/Klangregie). Auf acht nebeneinander im Altarraum aufgestellten Ständern sind je 3 Tafeln aus weißem Karton übereinander angeordnet. Auf diesen Tafeln sind jeweils skulpturale Elemente aufmontiert, welche einzelne Staubteilchen einer historischen Staubsammlung darstellen, wie man sie in mikroskopischer Vergrößerung wahrnehmen kann. Alle Tafeln können einzeln um die X-Achse gedreht werden, so dass die vergleichbar gestalteten Rückseiten ebenfalls genutzt werden können.

 

Die Tafeln werden während der Performance angeleuchtet, und zwar so, dass jede Tafel einzeln angesteuertt werden kann. Zusätzlich, in einer zweiten Licht-Schicht, können Formen auch über die Grenzen einzelner Tafeln hinweg auf die Gesamtinstallation projiziert werden. Mit diesen so einfachen wie durchdachten Vorrichtungen wird die Installation zu einem Formen- und Farbeninstrument, das mit Orgel und Elektronik wahrhaftig in Dialog treten kann. Da Installation und Musik ursprünglich unabhängig voneinander entstanden waren, ist es faszinierend, wie viel sie sich zu sagen haben.

  

Dr. Stefan Speck

"Staub" - copyright Paul Pape
"Staub" - copyright Paul Pape

Mit diesen Händen. Musik und Szenen zur Passion

Konzert am 01.03.2020, Hospitalkirche Stuttgart

 

Angelika Luz hat mit ihrem Team von Musikern und einem Maskenspieler das musikalisch-szenische Programm „Mit diesen Händen“ weiterentwickelt und am 1. März in der Hospitalkirche aufgeführt.

 

Von heute aus betrachtet, noch nicht einmal einen Monat später, liegt darauf bereits der Glanz der „guten alten Zeit“, war es doch, wie wir heute wissen, eine der letzten Musik-Veranstaltungen, die vor der Corona-Krise in der Hospitalkirche stattfinden konnten. Dabei war das Programm für viele, ich vermute, für die meisten, auch an diesem Abend schon (ganz ohne den damals ungeahnten späteren Glanz) ein starkes, wie man sagt „unter die Haut gehendes“ Erlebnis.

 

„Unter die Haut“, das ist, wo die Musik dieses Abends hin wollte. Zeitgenössische, neue Musik hat nicht immer den Zug zu asketischer Intellektualität und Abstraktheit, sondern kann auch auf geradezu körperhafte Konkretheit und (Ein-)Wirkung aus sein. Das zeigt sich besonders anschaulich im Umgang mit der Stimme. Im klassischen Gesang ist die Stimme das Medium des aus höheren Sphären niederperlenden Himmelsklangs, mühelos und engelsgleich. In den Stücken von „Mit diesen Händen“ wird die Stimme durch Einbeziehung von Hecheln, Röcheln, Räuspern, Husten zum Medium des Körpers.

 

Wovon aber redet der Körper? In diesem auf die Passion ausgerichteten Programm geht es um die Verletztlichkeit des Körpers, um Kriegserfahrungen, um die Klage darüber, was Menschen Menschen antun. Klage in allen Formen, als Trauer, Empörung, Entsetzen. Die Musik geht bis über die Grenze zu Geheul und Schrei, um der täglich trainierten Gleichgültigkeit gegenüber dem Leid der anderen etwas entgegenzusetzen.

 

Was nach harter Kost für das Publikum klingen mag, ist stattdessen einfach großartige Musik, deren Präsenz sich niemand so leicht entziehen kann. Hinzu kommen die szenischen Elemente, die sich nicht fern und zentral auf einer Bühne abspielen, sondern den ganzen Raum nutzen, immer passiert irgendwo was. In einem klug komponierten Spannungsbogen werden wir am Schluss, nach so viel Intensität, mit einem kleinen, nahezu übermütigen Kabinettstückchen aus John Cages „Living room music“ behutsam wieder zum Alltag zurückgeführt. Ein sehr berührender Abend, der noch lange nachhallt.

 

Dr. Stefan Speck


Helmut Bornefeld zum 30. Todestag

Vortrag und Konzert vom 12.02.2020, Hospitalkirche Stuttgart

 

Da die Hospitalkirche mit ihrer Bornefeld-Orgel selbst ein Stück von Bornefelds vielseitigem Schaffen beherbergt, war die Veranstaltung zu dessen 30. Todestag am 12. Februar hier am richtigen Ort.

 

Matthias Wamser, der zusammen mit Peter Thalheimer Bornefelds kompositorischen Nachlass herausgibt, hat als ausgewiesener Kenner in Bornefelds Leben, Werk und Zeit eingeführt, wobei er sich in seinen biographischen Streiflichtern klug auf sprechende Details konzentriert hat. So hört man Bornefelds Florilegium (1977), dessen einzelne Teile mit Blumennamen überschrieben sind, anders, wenn man weiß, dass Bornefeld seine berufliche Laufbahn mit einer Gärtnerlehre begonnen hat. Der Blockflötist Peter Thalheimer, dem das Stück gewidmet ist, hat es mit Michael Sattelberger an der Orgel aufgeführt.

 

Heute ist selbstverständlich, dass die meisten Kinder ihre ersten musikalischen Gehversuche im Kampf mit den Grifflöchern einer Blockflöte beginnen. So ist es kaum mehr vorstellbar, dass die Blockflöte um 1930, als Bornefeld sie für sich entdeckte, ein annähernd „ausgestorbenes“, äußerst exotisches Instrument war, für das auch keinerlei zeitgenössische Kompositionen zu finden waren – was Bornefeld zu eigenen Kompositionen anregte.

 

Der Nationalsozialismus hat Bornefeld erst zum Kirchenmusiker gemacht: In seinen musikalischen Aktivitäten in Esslingen angefeindet, verfiel er darauf, Kirchenmusik zu studieren und sich ins Kantorenamt nach Heidenheim zurückzuziehen.

 

Bornefeld war eine vielseitige Begabung. Seine musikalische Vielseitigkeit wurde in den verschiedenen Orgelstücken deutlich, die von Benedikt Nuding und Peter Schleicher gespielt wurden. Diese musikalische Klangwelt, so viel wurde an dem Abend deutlich, liegt nicht nur hinter, sondern ebenso noch vor uns, im Offenen, wo Schätze auf Entdeckung warten.

 

Mit „seinem“ Instrument, der Orgel, hat Bornefeld sich als Orgelpfleger genauso leidenschaftlich beschäftigt wie mit dem Musizieren und Komponieren. Und wie das bei leidenschaftlicher Tätigkeit so ist: Wer Kanten hat, der eckt auch an. Aber auch wenn nicht jeder mit jedem der vielen Orgelbauprojekte, die Bornefeld betreut hat, vollständig einverstanden ist – an der Hosptalkirche jedenfalls kann man Sonntag für Sonntag sowie in vielen Konzerten hören, was für ein tolles Instrument Bornefeld uns hinterlassen hat.

 

Am 27. Mai 2020 um 19:00 Uhr gibt es in der Hospitalkirche ein weiteres Konzert mit Bornefeld-Werken. Dann wird Matthias Wamser musizierend zu hören sein. Wir freuen uns darauf.

 

Dr. Stefan Speck

Foto: Lübke & Wiedemann, Stuttgart; www.helmut-bornefeld.de
Foto: Lübke & Wiedemann, Stuttgart; www.helmut-bornefeld.de